Ride and Develop

ERGON HQ Chris Vollmer Ergon Industriedesigner EWS Finale Ligure

Ride and Develop – alles andere ist Spekulation.

Es ist das letzte Saisonrennen der Enduro World Series 2017 (kurz EWS). Hunderte Kontrahenten messen sich an zwei Tagen auf 100 km Strecke – aufgeteilt in 7 Etappen mit 3.100 Höhenmetern (Hm) bergauf sowie 4.000 Hm bergab. Ergon Industrie-Designer, Chris Vollmer, ist einer von ihnen und bestreitet sein erstes EWS Rennen in Finale Ligure, Italien.

Die Gedanken schweifen ab, zurück nach Koblenz an meinen Arbeitsplatz bei Ergon. Das derzeitige Sattel-Projekt geht mir nicht aus dem Sinn. Wird der auf mein Race-Bike montierte Prototyp seinen Anforderungen gerecht werden? Doch noch bevor sich das Bild in meinem Kopf scharf stellen kann, ertönt das Startkommando, und ich finde mich auf der ersten Stage der Enduro World Series in Finale Ligure wieder.

Christin fährt mit dem GE1 Evo bergab
Das gebrochene Pedal des GE1 Evo von Chris Vollmer

„Der erste Tag war eine Mischung aus MacGyver und Cool Runnings“

Chris Vollmer im Sportanzug und seinem Fahhrad
Griff des GE1 Evo von Ergon

Mein Vordermann lässt mich nicht vorbei, was nun?

Ich lasse es laufen und kann auf dem Karma Trail (ca. 8,6km / 1.200Hm) schnell zehn Plätze gutmachen. Bei Nummer elf beiße ich allerdings sprichwörtlich auf Granit, denn mein Vordermann macht sich breit. Ein Vorbeikommen ist nahezu unmöglich. Stattdessen schlucke ich erst einmal minutenlang den Staub meines Mitstreiters. In diesem sinnlosen Kampf um Positionen stürzen wir beide und mein Bike trägt massive Blessuren davon: Eines meiner Pedale ist stark verbogen, und der Vorderreifen hat deutlich an Luft eingebüßt. Das Ergebnis dieser Stage kann sich erstaunlicherweise dennoch sehen lassen. Der neu überarbeitete GE1 Evo Griff hat mir mittels neuer, noch griffigerer Oberflächentextur und des weicheren Compounds meine Büro-Hände auf der langen ersten Etappe gerettet. Dank CO2 Kartusche ist der Luftdruck im Vorderreifen schnell wiederhergestellt.

Chaos, Stress und eine leere Trinkblase

Durch das Chaos aus meinem Sturz, den daraus resultierenden Defekten und entsprechender Hektik verpasse ich auf der Traverse zur zweiten Stage (700Hm) glatt die Feed-Zone. Mein Stresslevel steigt dabei ins Unermessliche. Damit nicht genug, die Trinkblase in meinem BE1-Rucksack ist, bedingt durch die lange Anfahrt zu Stage 1, nahezu leer. Obendrein habe ich meine Trinkflasche beim Sturz verloren. „Gelungener Start in meine erste EWS Rennen“, denke ich mir. Der Hilfsbereitschaft eines Leidensgenossen ist es zu verdanken, dass ich nicht „verdurste“ und vor dem nächsten Abschnitt noch ein wenig Wasser trinken kann.

Chris Vollmer fährt hinter einen Teilnehmer

Das Ziel sieht das Pedal allerdings nicht

Das „verbogene Pedal“ stellt sich als irreparabel defekte Kurbel heraus und macht damit das Drama fast perfekt. Dennoch gelingt es mir, trotz zweier steiler Anstiege und lockerem Pedal, fünf weitere Teilnehmer bis zum Ende der Etappe zu kassieren. Nach dem Überqueren der Ziellinie fällt das Pedal schlussendlich aus der Kurbel. Der glücklicherweise recht flache, wenn auch lange, Verbinder lässt es zu, das Fahrrad vorerst auch einbeinig noch halbwegs fahren zu können. Mit 20 Minuten Verspätung und ordentlich erschöpft geht es dann in das dritte Segment.

Hierzu habe ich das Pedal notdürftig mit Kabelbindern als eine Art Fußraste an der Kurbel befestigt, um wenigstens stehend rollen zu können. Das Ziel sieht das Pedal allerdings nicht, dafür aber mich und den Rest meines Bikes. Und das ist die Hauptsache, denn nun darf ich endlich einen Service an meinen Enduro durchführen und eine neue Kurbel montieren. Die Fünf-Minuten-Zeitstrafe ist dabei zweitrangig, dafür darf ich aber am zweiten Tag wieder starten. Ganz entscheidend ist an dieser Stelle der Support durch das Canyon Factory Racing Team, das mir während des gesamten Wochenendes zur Seite stand. Ohne diese Hilfe wäre ein Weitermachen kaum möglich gewesen.

Chris Vollmer und ein Helfer laden Christians Bike aus einem Transporter.
Chris Vollmer und ein weiterer Teilnehmer fahren eine Kurve vom Gebirge

„Man muss sich zu 100 Prozent auf sein Equipment verlassen können.“

Chris Vollmer und sein Prototyp GE1 Evo-Bike
Detailaufnahme der Sattelstütze
Detailaufnahme der Querstange
Christians Fahrrad von der hinteren Fahrradseite nach vorne zu den Griffen ausgerichtet
News von Max Schumann, welches ein Bild vom Vollmans Sturz zeigt

Der eigentliche Lohn sind die gesammelten Eindrücke und Erfahrungen

Tag zwei beginnt wenig verheißungsvoll – dafür aber umso spektakulärer, denn ein schwerer Sturz bringt mich an meine Grenzen, und ich bin kurz davor aufzugeben. Doch mein Rucksack, mit integriertem Rückenprotektor, verhindert ein frühzeitiges Ausscheiden und bewahrt mich vor dem Schlimmsten. Ab hier heißt es „Damage Control“ bis zum Highlight in Form der letzten Etappe, dem legendären Men’s DH. Highlight ist hier der ewig lange Zuschauertunnel kurz vor dem Ziel. Überhaupt die Ziellinie zu sehen und alle Stages hinter sich gebracht zu haben, lassen das Endergebnis meiner ersten EWS nebensächlich erscheinen.

Der eigentliche Lohn für den geleisteten Kraftaufwand sind die gesammelten Eindrücke und Erfahrungen, die ich nicht so schnell vergessen werde. Erfolgreiche Produktentwicklung zeichnet sich durch Praxisnähe aus. Und diese bekommst du, wenn du auf einem Rennen das Material fährst und die Strapazen am eigenen Leib erlebst. Nur unter echten Rennbedingungen wird jedes Detail so deutlich, dass man es beschreiben kann.

Chris Vollmer fasst am Ziel mit vielen Zuschauern

Zurück in Koblenz lassen mich die gemachten Erfahrungen und Erinnerungen nicht so schnell los und hallen immer wieder nach. Wieder einmal schweifen meine Gedanken ab – zurück nach Ligurien ins Renngeschehen. Die Bilder fliegen vor meinem inneren Auge vorüber und zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht. Ich höre, wie jemand meinen Namen sagt und schalte um – zurück ins Ergon Sattel-Meeting. Heute ist mein Feedback zum Prototypensattel gefragt.

Chris Vollmer wieder zurück, sitzend in seinem Büro

Zusammengefasst lässt sich das Rennen wie folgt beschreiben: „Das Ergebnis ist nicht befriedigend. Auf dem Weg von der letzten Stage bis ins Ziel bin ich aber trotzdem stolz mein erstes EWS Rennen in Finale gemeistert zu haben.“